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Einen Geschäftsprozess aufnehmen: Fragen und Beispiele

Die Aufnahme ist der Schritt, bei dem am meisten herauskommt und am meisten schiefgeht. Dieser Text gibt die Fragen, die funktionieren, und nennt die Stellen, an denen die interessanten Antworten liegen.

  • Für wenVerwaltung, Fachbereiche, Geschäftsführung
  • NiveauAnleitung
  • Lesezeitetwa 7 Minuten
  • Stand16. Oktober 2026

Das lernen Sie

  • Wen man fragt — und wen besser nicht allein
  • Welche Frageform brauchbare Antworten liefert
  • Was man notiert, und in welcher Form
  • Warum die Umwege der wertvollste Fund sind

Wen man fragt

Fragen Sie die Person, die den Ablauf täglich macht — nicht die, die ihn einmal beschrieben hat. Zwischen beiden Beschreibungen liegen oft mehrere Jahre stiller Anpassungen.

Wenn mehrere Stellen beteiligt sind, sprechen Sie mit jeder einzeln, bevor Sie alle zusammenbringen. In der gemeinsamen Runde setzt sich sonst die Darstellung durch, die am lautesten vorgetragen wird — und Widersprüche zwischen den Stellen sind gerade das Interessante.

Die Frageform entscheidet über die Antwort

  • Statt „Wie läuft das ab?" besser „Wie war es gestern?". Die erste Frage liefert den Idealablauf, die zweite den echten.
  • Statt „Gibt es Ausnahmen?" besser „Wann haben Sie zuletzt etwas von Hand korrigieren müssen?". Ausnahmen gelten den Beteiligten oft nicht als Ausnahmen.
  • Statt „Was dauert lange?" besser „Woran bleiben Sie hängen?". Zeit wird schlecht geschätzt, Ärger gut erinnert.
  • Immer: „Was passiert, wenn Sie nicht da sind?" Diese Frage legt ungeschriebene Zuständigkeiten offen.

Was man notiert

Für jeden Schritt vier Angaben, mehr nicht:

  • Wer macht ihn.
  • Was kommt herein, was geht heraus — und in welcher Form: E-Mail, Datei, Eintrag in einer Software, Zuruf.
  • Woran kann er scheitern.
  • Worauf wartet der Schritt, bevor er beginnen kann.

Der letzte Punkt macht die Liegezeiten sichtbar. In den meisten Abläufen ist nicht die Bearbeitung lang, sondern das Warten zwischen den Schritten — und genau dort liegt der Gewinn.

Ein Beispiel aus der Praxis

Die Umwege sind der eigentliche Fund

Notieren Sie, was neben dem offiziellen Ablauf passiert: die Tabelle, die jemand nebenbei pflegt, die Mail an sich selbst als Erinnerung, der Ausdruck für die Ablage, die Notiz am Monitor.

Diese Umwege sind keine Nachlässigkeit, sondern Hinweise auf eine Lücke im System. Wer nur den offiziellen Ablauf automatisiert, baut die Lücke mit — und wundert sich, warum die Tabelle weiter gepflegt wird.

In einem Betrieb führte eine Mitarbeiterin seit Jahren eine Übersicht aller offenen Vorgänge. Im offiziellen Ablauf kam sie nicht vor. Sie existierte, weil die Fachsoftware diese Sicht nicht lieferte, alle sie aber brauchten. Die wertvollste Anforderung des ganzen Vorhabens stand in keinem Dokument.

Was nach der Aufnahme passiert

Lesen Sie die Beschreibung den Beteiligten vor. Nicht zum Abnicken, sondern um die Stellen zu finden, an denen jemand sagt: „So steht das da, aber in Wirklichkeit …". Dieser Satz ist das Ziel der Übung.

Erst danach lohnt die Frage, was automatisiert werden soll. Ein Ablauf, den man nicht in Sätzen beschreiben kann, lässt sich auch nicht in Regeln fassen.

Häufige Missverständnisse

Die Aufnahme kann jeder machen, der zuhören kann und den Betrieb nicht kennt — die Unkenntnis ist ein Vorteil, weil sie zu den Fragen zwingt, die intern niemand mehr stellt.

Ein Ablauf genügt zum Anfangen. Eine vollständige Landkarte ist ein eigenes Projekt und oft veraltet, bevor sie fertig ist.

Ein offensichtlich kaputter Ablauf sollte nicht automatisiert werden. Aber ein unperfekter wird oft erst durch die Aufnahme verständlich — das Aufräumen ist Teil der Arbeit, nicht ihre Voraussetzung.

Über den Autor

Fabian Lücker ist geschäftsführender Gesellschafter der PHP-Schmiede KG in Rheine und seit 2007 in der Softwareentwicklung tätig. Er verantwortet Entwicklung und Konzeption und schreibt hier über Entscheidungen, die in echten Projekten anfallen.