Individuelle Webanwendung oder Standardsoftware?
Die Frage wird oft als Grundsatzentscheidung gestellt, ist aber eine Rechnung mit mehreren Posten. Dieser Text nennt die Posten, die in beide Richtungen zählen — und die Fälle, in denen die Antwort eindeutig ist.
Das lernen Sie
Fünf Fragen, die die Entscheidung tragen
Vor allem entscheidet das Verhältnis zwischen Ihrem Ablauf und dem, was ein fertiges Produkt vorsieht; Budget, Betriebs- und Pflegemöglichkeiten setzen dafür den Rahmen.
Was Standardsoftware wirklich kostet
Der Preis eines Produkts ist der sichtbare Teil. Dazu kommen regelmäßig:
Keiner dieser Punkte spricht gegen Standardsoftware. Für einen üblichen Ablauf ist ein erprobtes Produkt fast immer die bessere Wahl — es wurde von vielen benutzt, und das sieht man.
Was eigene Software wirklich kostet
Auch hier ist der Entwicklungsaufwand nur der Anfang. Dazu kommen:
Der Vorteil wiegt in bestimmten Fällen schwer: Die Software folgt Ihrem Ablauf, nicht umgekehrt. Es gibt keine Funktion, die Sie mitbezahlen und nicht brauchen, und keine Grenze, hinter der „das sieht das System nicht vor“ steht.
Der dritte Weg: Standard plus Erweiterung
In der Praxis ist der häufigste Fall eine Mischung. Ein erprobtes System trägt den Standardteil, und eine eigene Erweiterung übernimmt genau den Teil, der Ihnen gehört. So entstehen Shop-Erweiterungen, Zusatzmasken in einem Portal oder Schnittstellen, die zwei Produkte verbinden.
Diese Variante hat einen Preis, den man kennen muss: Die Erweiterung muss den Aktualisierungen des Hauptsystems folgen. Das ist planbare, aber wiederkehrende Arbeit.
Ein Beispiel aus der Praxis
Dieselbe Aufgabe, zwei Entscheidungen
Zwei Betriebe wollen Aufträge erfassen. Der erste arbeitet mit üblichen Angebots- und Rechnungsschritten; für ihn ist eine erprobte Branchenlösung die richtige Wahl, auch wenn sie zehn Felder mitbringt, die er nie füllt.
Der zweite hat einen Ablauf, der von einer Prüfung durch zwei verschiedene Stellen abhängt, und muss die Ergebnisse an ein bestehendes Planungssystem übergeben. Hier scheitert jede Standardlösung nicht an der Erfassung, sondern am Freigabeweg und an der Übergabe — und das sind genau die beiden Dinge, die nicht verhandelbar sind.
Wann die Antwort feststeht
Zwei Fälle brauchen keine lange Prüfung. Gibt es für Ihren Ablauf ein verbreitetes, gut gepflegtes Produkt und Ihr Ablauf weicht nicht grundsätzlich ab — nehmen Sie das Produkt. Ist Ihr Ablauf Ihr Wettbewerbsvorteil und in keinem Produkt vorgesehen, spricht viel für eine eigene Lösung — prüfen Sie vorher, ob ein Standardsystem mit eigener Erweiterung den abweichenden Teil abdecken kann.
Alles dazwischen entscheidet sich an den fünf Fragen oben. Wenn Sie unsicher sind, lohnt eine kurze Bestandsaufnahme mehr als eine längere Diskussion: Welche Schritte hat Ihr Ablauf, welche Systeme sind beteiligt, welche Regeln gelten?
Häufige Missverständnisse
Über den Autor
Fabian Lücker ist geschäftsführender Gesellschafter der PHP-Schmiede KG in Rheine und seit 2007 in der Softwareentwicklung tätig. Er verantwortet Entwicklung und Konzeption und schreibt hier über Entscheidungen, die in echten Projekten anfallen.
Die Entscheidung gemeinsam einordnen
Schildern Sie Ihren Ablauf und die beteiligten Systeme. Wir sagen Ihnen, wo wir einen Standard empfehlen und wo nicht.